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Mangelernährung

📋 Definition & Ursachen ⚠️ Symptome & Folgen 💊 Therapie 🏥 Pflege 💬 Beratung ⭐ Zusatz-Challenge
Muskelschwund &
Gewichtsverlust
? Fe
Nährstoffmangel
(Fe, B12, Vit. D)
Screening &
Früherkennung
Pflege &
Unterstützung

📌 Definition

Mangelernährung (Malnutrition) ist ein Zustand, bei dem die Zufuhr oder Aufnahme von Energie und/oder Nährstoffen unzureichend ist und zu messbaren negativen Auswirkungen auf Körperfunktion, Körperzusammensetzung und klinischen Verlauf führt.
Man unterscheidet quantitative Mangelernährung (zu wenig Energie gesamt) von qualitativer Mangelernährung (Mangel an Proteinen, Vitaminen, Spurenelementen). Ein ungewollter Gewichtsverlust von >5 % in 3 Monaten oder >10 % in 6 Monaten gilt als klinisch relevant.

Primäre Ursachen – Zufuhr ↓

  • Armut, Einsamkeit, Obdachlosigkeit
  • Demenz, Depression, Apathie
  • Schluckstörungen (Dysphagie)
  • Zahn-/Mundprobleme, Schmerzen
  • Anorexie, Ess-Brech-Störungen
  • Appetitlosigkeit durch Medikamente (NW)

Sekundäre Ursachen – Bedarf ↑ / Verlust

  • Tumorerkrankungen, Sepsis (erhöhter Katabolismus)
  • Chronische Erkrankungen: CED, COPD, Niereninsuffizienz
  • Malabsorption (M. Crohn, Zöliakie, Kurzdarmsyndrom)
  • Postoperative Zustände, schwere Verbrennungen
  • Intensivmedizinischer Aufenthalt
  • Hyperthyreose, chronische Herzinsuffizienz

Risikogruppen – besonders gefährdet

Ältere >65 J. Onkologische Patient:innen Demenzkranke Postoperativ Intensivstation Sozial isoliert / Armut Chronisch Kranke (CED, COPD)

Körperliche Symptome

  • BMI < 18,5 / ungewollter Gewichtsverlust >5 % in 3 Mten.
  • Muskelschwund (Sarkopenie), Kraftverlust
  • Ödeme durch Hypoalbuminämie (Eiweißmangel)
  • Müdigkeit, Erschöpfung (Fatigue)
  • Trockene, rissige Haut; brüchige Haare & Nägel
  • Anämie (Fe-, B12-, Folsäuremangel)
  • Knochenmineraldichte ↓ (Vit. D & Calcium ↓)
  • Wundheilungsstörungen, Dekubitusrisiko ↑

Systemische Folgen

  • Immunsuppression → Infektanfälligkeit ↑
  • Sturzrisiko ↑ (Muskelschwäche, Schwindel)
  • Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
  • Verlängerte Rekonvaleszenz nach OPs & Infekten
  • Komplikationsrate ↑ (Wundinfektionen, Pneumonie)
  • Psychosoziale Folgen: Rückzug, Scham, Depression
  • Erhöhte Mortalität (bes. im Alter und bei Tumoren)
  • Kosten: ca. 9 Mrd. € p.a. (deutsches Gesundheitssystem)

Auswirkungen auf die Pflege

  • Erhöhter Pflegeaufwand bei Lagerung, Mobilisation, Körperpflege
  • Wundmanagement komplexer (Heilungsstörungen)
  • Sturzprophylaxe intensivieren (Muskelschwäche)
  • Dekubitusprophylaxe (Knochen direkt unter der Haut)
  • Polypharmazie verstärkt Appetitlosigkeit → Teufelskreis
  • Pflegeabhängigkeit nimmt zu (ADL-Einschränkungen)
  • Psychosoziale Begleitung notwendig (Scham, Depression)

Screening-Instrumente in der Pflege

  • NRS-2002: Stationäre Aufnahme – Standard im Krankenhaus
  • MNA: Geriatrische Patient:innen (Mini Nutritional Assessment)
  • MUST: Ambulante & Gemeinschaftssettings
🔑 Merke: Ernährungsscreening bei Aufnahme ist leitlinienkonform empfohlen (ESPEN). Wiederholung wöchentlich oder bei Statusveränderung.

Ernährungstherapie

  • Energie- & proteinreiche Kost (1–1,5 g Eiweiß/kg KG)
  • Kleine, häufige Mahlzeiten (5–6×/Tag)
  • Trinknahrung (ONS = Oral Nutritional Supplements)
  • Enterale Ernährung: PEG, NGS
  • Parenterale Ernährung i.v. (bei schwerer Malabsorption)
  • Supplementierung: Vit. D, B12, Eisen, Zink, Folsäure

Interdisziplinäres Team

  • Diätassistenz – Ernährungsplanung
  • Logopädie – Dysphagie-Therapie
  • Physiotherapie – Muskelaufbau, Mobilisation
  • Psychologie/Psychiatrie – Anorexie, Depression
  • Sozialarbeit – Armut, Isolation, Alltagshilfe
  • Medizin – Ursachenbehandlung, Labor

Prävention

  • Frühzeitiges Screening bei Aufnahme
  • Regelmäßige Gewichtskontrolle
  • Bedarfsgerechte Mahlzeitenkultur
  • Soziale Teilhabe beim Essen fördern
  • Ernährungsberatung als Teil der Versorgung
  • Angehörige aktiv einbeziehen

Offizielle Stellen & Krankenkassen

  • DGE – Deutsche Gesellschaft für Ernährung: dge.de
  • VDD – Verband der Diätassistenten: vdd.de
  • DGEM – Gesellschaft für Ernährungsmedizin: dgem.de
  • Krankenkassen: Kostenübernahme ONS (§ 31 SGB V); Ernährungsberatung als Kassenleistung möglich
  • Netzwerk Malnutrition: malnutrition.de

Selbsthilfe, Kliniken & Digital

  • Deutsche Krebshilfe (Tumorkachexie): krebshilfe.de
  • Unikliniken mit Ernährungsteams (Charité Berlin, LMU München)
  • Essen auf Rädern / Nachbarschaftshilfe
  • App „fddb" – Ernährungsprotokoll & Nährwertdaten
  • App „Yazio" – Ernährungstracking
  • Sozialstation / ambulante Pflegedienste

Screening-Tools

  • NRS-2002 – Krankenhaus (ab 18 J.)
  • MNA – Geriatrie (ab 65 J.)
  • MUST – Ambulant & Gemeinschaft

Laborparameter

  • Albumin, Präalbumin (Eiweißstatus)
  • CRP (Entzündung beeinflusst Albumin!)
  • Blutbild: Hb, Ferritin, B12, Folsäure
  • 25-OH-Vitamin D, Zink, Selen
  • Transferrin, Harnstoff

Körperliche Messungen

  • BMI & Gewichtsverlauf
  • Wadenumfang (Sarkopenie-Indikator)
  • Handkraft-Messung (Dynamometrie)
  • Bioimpedanzanalyse (BIA)
  • Hautfaltendicke (Trizeps)

⭐ Zusatz-Challenge: Was sollte Pflege unbedingt beachten?

✔ 3 wichtige Pflegemaßnahmen

  • Ernährungsscreening: Bei Aufnahme und regelmäßig wiederholen (NRS-2002/MNA). Frühzeitiges Erkennen ist entscheidend.
  • Individuelle Mahlzeitengestaltung: Wünsche und Gewohnheiten berücksichtigen; kleine häufige Mahlzeiten; ansprechende Präsentation; Zeit lassen.
  • Dokumentation & Monitoring: Gewicht wöchentlich messen; Trinkmenge und Nahrungsaufnahme protokollieren; Fallbesprechung initiieren.

✗ 3 Fehler & Vorurteile

  • „Wer nichts isst, will halt nicht": Fehlhaltung! Appetitlosigkeit hat meist körperliche oder psychische Ursachen, die behandelt werden müssen.
  • Fachpersonal nicht einbinden: Ernährungsprobleme nicht allein lösen – frühzeitig Diätassistenz, Logopädie und Arzt einschalten.
  • Stigmatisierung & Schuldzuweisung: „Sie müssen mehr essen" erzeugt Druck und Scham statt professionelle Unterstützung.

💬 3 Beratungsthemen

  • Ernährungswissen & Lebensmittelauswahl: Welche Lebensmittel sind nährstoffreich? Wie lässt sich ausgewogene Kost im Alltag umsetzen?
  • Unterstützungsangebote: Krankenkassenleistungen (Ernährungsberatung, ONS), Essen auf Rädern, Sozialstation, Apps.
  • Angehörigenberatung: Wie können Angehörige helfen? Warnsignale erkennen; wann ist ärztliche Hilfe notwendig?

🔄 Abgrenzung: Mangelernährung – Kachexie – Adipositas

Merkmal Mangelernährung Kachexie Adipositas
BMI < 18,5 (häufig) variabel, oft niedrig ≥ 30
Hauptursache Zufuhr- / Absorptionsdefizit Systemische Entzündung (Tumor, Sepsis) Energieüberschuss, Lebensstil, Genetik
Muskulatur ↓ (häufig) ↓↓ (immer, unvermeidlich) ↔ oder ↑
Entzündung Nicht primär Ja, zentral (IL-6, TNF-α) Chronisch niedriggradige Entzündung
Ernährung allein therapierend? Oft ja Nein – Grunderkrankung behandeln Nein – multimodal (Bewegung, Verhalten)
Pflegefokus Ernährungsaufbau, Monitoring Komfort, Lebensqualität, Symptomkontrolle Mobilisation, Hautpflege, psychosoziale Begleitung

📚 Quellenangaben

  1. Pirlich, M. et al. (2006): The German hospital malnutrition study. Clinical Nutrition, 25(4), 563–572. DOI: 10.1016/j.clnu.2006.03.005
  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM, 2023): S3-Leitlinie Klinische Ernährung. Online: dgem.de
  3. WHO (2021): Malnutrition – Key Facts. Online: who.int/news-room/fact-sheets/detail/malnutrition
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE, 2019): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2. Auflage. Online: dge.de/referenzwerte
  5. Kondrup, J. et al. (2003): ESPEN guidelines for nutrition screening 2002. Clinical Nutrition, 22(4), 415–421. [NRS-2002]
  6. Pschyrembel Online (2024): Mangelernährung. De Gruyter. Online: pschyrembel.de
  7. Robert Koch-Institut (RKI): Ernährung in Deutschland – Gesundheitsberichterstattung. Online: rki.de
  8. Netzwerk Malnutrition (2024). Online: malnutrition.de