Mund · Speiseröhre · Magen · Dünndarm · Pankreas · Leber · Dickdarm · Rektum · Physiologie der Verdauung
Überblick — Der Verdauungstrakt
Aufbau & Funktion des Verdauungssystems
Der Weg der Nahrung — Reihenfolge
(Ösophagus)
(Gaster/Ventriculus)
(Intestinum tenue)
(Intestinum crassum)
Die 4 Hauptaufgaben des Verdauungstrakts
⚙️
Mechanische Zerkleinerung
Kauen (Mund) · Magenbewegungen · Peristaltik
🧪
Chemische Verdauung
Enzyme spalten Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette in kleine Moleküle
🩸
Resorption
Aufnahme der Nährstoffe über die Darmschleimhaut ins Blut
🚽
Ausscheidung
Unverdauliche Reste + Wasserentzug → Stuhl
🛡️
Immunabwehr
~70% des Immunsystems sitzt im Darm (MALT, Peyer-Plaques)
🦠
Darmflora (Mikrobiom)
~100 Billionen Bakterien im Darm → Verdauung + Schutz
Die Verdauungssäfte (Speichel, Magensaft, Galle, Pankreassaft, Darmsaft) bilden zusammen täglich ca. 8–10 Liter — fast alle werden im Dünndarm wieder rückresorbiert. Nur ca. 100–200 ml gehen täglich mit dem Stuhl verloren. Die Gesamtlänge des Darms (Dünn- + Dickdarm) beträgt beim Lebenden ca. 7–9 Meter, beim Toten durch fehlende Muskelspannung bis zu 12 Meter.
Mundhöhle — Beginn der Verdauung
Mund, Zähne, Zunge & Speichel
Zähne (Dentes)
| Zahntyp | Anzahl | Funktion |
|---|---|---|
| Schneidezähne (Incisivi) | 8 | Abbeißen |
| Eckzähne (Canini) | 4 | Zerreißen |
| Backenzähne (Molaren/Prämolaren) | 20 | Zermahlen |
| Gesamt Milchgebiss | 20 | bis ~6 Jahre |
| Gesamt bleibend | 28–32 | inkl. Weisheitszähne |
Speicheldrüsen (3 Paare)
- Ohrspeicheldrüse (Glandula parotis) — größte
- Unterkieferdrüse (Glandula submandibularis)
- Unterzungendrüse (Glandula sublingualis)
Speichel (Saliva) — Zusammensetzung & Funktion
- Ca. 1–1,5 l/Tag
- Amylase (Ptyalin) → spaltet Stärke (KH-Vorverdauung!)
- Muzin → Gleitmittel für Schlucken
- Lysozym → antibakteriell
- IgA → Immunabwehr
- Befeuchtet Nahrung → Bolus-Bildung
- pH ca. 6,5–7,5 (neutral bis leicht basisch)
Schluckreflex (Deglutition)
Zunge schiebt Bolus in Rachen → Epiglottis (Kehldeckel) verschließt Luftröhre → Bolus gleitet in Speiseröhre
Die Amylase im Speichel beginnt bereits im Mund mit der Stärkespaltung → deshalb schmeckt Brot nach längerem Kauen süßlicher (Stärke → Maltose)! Im Magen wird die Amylase durch die Magensäure inaktiviert. Zunge: enthält Geschmacksknospen (süß, sauer, salzig, bitter, umami) + unterstützt Kauen und Schlucken.
Speiseröhre (Ösophagus)
Transport vom Rachen in den Magen
⚙️ Peristaltik
Wellenförmige Muskelbewegung → transportiert Bolus Richtung Magen · funktioniert auch gegen die Schwerkraft (kopfüber essen möglich!)
⚠️ Schließmuskel (Sphinkter)
Unterer Ösophagussphinkter verhindert Rückfluss des Magensafts → bei Schwäche: Reflux / Sodbrennen (GERD)
Schluckzeit: Flüssigkeiten brauchen ~1 Sekunde · feste Nahrung ~8–10 Sekunden. Sodbrennen (Reflux) entsteht wenn saurer Magensaft in die Speiseröhre zurückfließt → Brennen hinter dem Brustbein · bei chronischem Verlauf: Barrett-Ösophagus (Krebsrisiko!). Pflegerelevant: Oberkörperhochlagerung nach Mahlzeiten bei Reflux-Patienten!
Magen (Gaster / Ventriculus)
Speicherung & chemische Verdauung
Abschnitte des Magens
Mageneingang · Übergang von Speiseröhre
Magengewölbe oben links
Magenkörper · größter Teil
Magenausgang → Pförtner-Schließmuskel zum Dünndarm
Magensaft — Zusammensetzung & Funktion
| Bestandteil | Produziert von | Funktion |
|---|---|---|
| Salzsäure (HCl) | Belegzellen (Parietalzellen) | pH 1–2 · tötet Keime ab · aktiviert Pepsin · denaturiert Eiweiße |
| Pepsinogen → Pepsin | Hauptzellen | Eiweißspaltung (Protease) · wird durch HCl aktiviert |
| Intrinsic Factor | Belegzellen | Notwendig für Vitamin-B12-Resorption im Ileum! |
| Schleim (Muzin) | Nebenzellen | Schutzschicht der Magenwand vor Selbstverdauung |
| Gastrin | G-Zellen (Hormon) | Stimuliert Magensaftsekretion |
Magenentleerung
Kohlenhydrate: ~1–2 Stunden
Eiweiße: ~3–4 Stunden
Fette: ~5–7 Stunden → verweilen am längsten!
Pylorus gibt Speisebrei portionsweise in den Dünndarm ab (ca. alle 30 Sek. eine Portion) → Chymus (saurer Speisebrei)
- Nüchternheit vor OP: mind. 6h keine feste Nahrung, 2h keine klaren Flüssigkeiten → Aspirationsprophylaxe! Magen muss leer sein.
- Helicobacter pylori: Bakterium das die Magenschleimhaut besiedelt → häufigste Ursache von Magengeschwüren. Behandlung: Tripeltherapie (2 Antibiotika + PPI)
- Vitamin-B12-Mangel: Bei Fehlen des Intrinsic Factors (z.B. nach Magenresektion) → perniziöse Anämie → B12-Injektionen nötig!
Dünndarm (Intestinum tenue)
Hauptort der Verdauung & Resorption
3 Abschnitte des Dünndarms
Oberflächenvergrößerung — Warum 200 m²?
🔄
Kerckring-Falten
Querfalten der Schleimhaut → 3-fache Vergrößerung
🌿
Zotten (Villi)
Fingerförmige Ausstülpungen → 10-fache Vergrößerung
🔬
Mikrovilli (Bürstensaum)
Winzige Ausstülpungen jeder Zelle → 20-fache Vergrößerung
Gesamt: ca. 200 m² innere Oberfläche — so groß wie ein Tennisplatz!
Was wird wo resorbiert?
| Nährstoff | Aufnahmeort | Transport |
|---|---|---|
| Glukose, Aminosäuren | Duodenum + Jejunum | Blut → Pfortader → Leber |
| Fettsäuren, Glycerin | Jejunum | Lymphe (Chylomikronen) → Blut |
| Vitamin B12 | Ileum | Nur mit Intrinsic Factor |
| Gallensäuren | Ileum | Enterohepatischer Kreislauf → Leber |
| Wasser, Elektrolyte | Dünn- + Dickdarm | Osmose / aktiver Transport |
| Fettlösliche Vitamine (A,D,E,K) | Jejunum | Mit Fetten in Lymphe |
- Zöliakie = Unverträglichkeit von Gluten (Weizen, Roggen, Gerste) → Immunreaktion zerstört Darmzotten → Resorptionsstörung → Mangelernährung
- Dünndarm-Peristaltik transportiert Chymus in Richtung Dickdarm · dauert ca. 3–5 Stunden von Duodenum bis Ileozäkalklappe
- Enterohepatischer Kreislauf: Gallensäuren werden im Ileum resorbiert → Pfortader → Leber → wieder zur Galle = recycelt bis zu 95%!
Pankreas (Bauchspeicheldrüse)
Exokrine & Endokrine Funktion
Exokrine Funktion — Pankreassaft
Ca. 1,5 l/Tag · wird durch Ductus pancreaticus an der Papilla duodeni major in das Duodenum abgegeben
Zusammensetzung:
- Bikarbonat (NaHCO₃) → neutralisiert sauren Chymus (pH ↑)
- Trypsin + Chymotrypsin → Eiweißspaltung (Endopeptidasen)
- Lipase → Fettspaltung
- Amylase → Stärkespaltung
- Nukleasen → DNA/RNA-Spaltung
Wichtig: Enzyme werden inaktiv produziert (Proenzyme) → erst im Darm aktiviert → sonst Selbstverdauung!
Endokrine Funktion — Langerhans-Inseln
B-Zellen (~70%)
Produzieren Insulin → Blutzucker ↓ · Glukose in Zellen · Insulinmangel → Diabetes mellitus!
A-Zellen (~20%)
Produzieren Glukagon → Blutzucker ↑ · Glykogen → Glukose · Gegenspieler von Insulin
D-Zellen
Produzieren Somatostatin → hemmt Insulin + Glukagon + Wachstumshormon
PP-Zellen
Produzieren Pankreatisches Polypeptid → hemmt exokrine Pankreasfunktion
- Pankreatitis = Bauchspeicheldrüsenentzündung · entsteht oft durch Alkohol oder Gallensteine · Enzyme verdauen das eigene Gewebe → extrem schmerzhaft · lebensbedrohlich!
- Diabetes mellitus Typ 1: Autoimmun → B-Zellen zerstört → kein Insulin → Insulinpflicht
- Diabetes mellitus Typ 2: Insulinresistenz der Zellen → Insulin wirkt nicht mehr → häufigste Form (90%)
- Papilla duodeni major = Vater-Papille = gemeinsame Mündung von Gallengang + Ductus pancreaticus
Leber (Hepar) & Gallenblase (Vesica fellea)
Zentrale Stoffwechseldrüse & Gallensäureproduktion
Wichtigste Funktionen der Leber
| Funktion | Beschreibung |
|---|---|
| Galleproduktion | Ca. 600–1000 ml/Tag → Fettverdauung (Emulgierung) |
| Glukosestoffwechsel | Glykogensynthese/-abbau · Glukoneogenese |
| Entgiftung | Abbau von Alkohol, Medikamenten, Toxinen |
| Proteinsynthese | Albumin, Gerinnungsfaktoren, Transportproteine |
| Fettstoffwechsel | Cholesterinsynthese · Lipoproteine |
| Speicherung | Glykogen · Vitamine A,D,B12 · Eisen |
| Immunabwehr | Kupffer-Zellen fressen Bakterien + alte Blutzellen |
Gallenflüssigkeit (Galle)
Gelblich-grün · bitter · pH 7–8 (alkalisch)
- Gallensäuren → Emulgierung von Fetten (Fett in kleine Tröpfchen)
- Bilirubin → Abbauprodukt des Hämoglobins → gibt Stuhl braune Farbe
- Cholesterin
- Gespeichert in Gallenblase (konzentriert bis zu 10-fach)
- Bei Fettaufnahme → Galle in Duodenum ausgeschüttet
Gallensteine (Cholelithiasis)
Leberversagen: Ikterus (Gelbsucht durch Bilirubin-Anstieg) · Gerinnungsstörungen (Gerinnungsfaktoren fehlen) · Bewusstseinseintrübung (hepatische Enzephalopathie durch NH₃-Anstieg). Pfortader (Vena portae): Alle aus dem Darm resorbierten Nährstoffe fließen zuerst zur Leber → Entgiftung → erst dann ins große Blutkreislauf. → sogenannter erster Leberpassage-Effekt (important für Medikamente!).
Dickdarm (Intestinum crassum / Kolon)
Wasserentzug, Darmflora & Stuhlbildung
4 Abschnitte des Kolons
Colon ascendens
Aufsteigender Grimmdarm · rechte Bauchwand · nach oben bis zur Leber (Flexura hepatica)
Colon transversum
Querverlaufender Grimmdarm · quer über Bauch bis zur Milz (Flexura lienalis)
Colon descendens
Absteigender Grimmdarm · linke Bauchwand · nach unten
Colon sigmoideum
S-förmiger Grimmdarm · übergeht in Rektum · häufigste Stelle für Divertikel!
Blinddarm (Caecum) & Appendix
- Caecum (Blinddarm) = Übergangsstelle von Dünndarm zu Dickdarm
- Appendix vermiformis (Wurmfortsatz) = Anhängsel des Caecum · enthält Lymphgewebe (Immunfunktion!)
- Entzündung → Appendizitis (Blinddarmentzündung) → typisch: Schmerz im rechten Unterbauch (McBurney-Punkt)
Darmflora (Mikrobiom) im Dickdarm
- ~100 Billionen Bakterien (vor allem Bacteroides, Bifidobakterien, Laktobazillen)
- Fermentieren unverdauliche Ballaststoffe → kurzkettige Fettsäuren (Energie für Darmzellen)
- Produzieren Vitamin K + B-Vitamine
- Schützen vor Krankheitserregern
- Bei Antibiotika: Flora gestört → Durchfall, C. difficile
Peristaltik im Dickdarm ist langsamer als im Dünndarm → Verweildauer ca. 12–48 Stunden. Bei zu langer Verweildauer: Verstopfung (Obstipation) → zu viel Wasser entzogen → harter Stuhl. Koloskopie (Darmspiegelung) = Vorsorgeuntersuchung ab 50 Jahren zur Erkennung von Polypen und Darmkrebs. Normalerweise 1–3 Stuhlgänge/Tag bis 3/Woche als normal angesehen.
Rektum (Mastdarm) & Anus (After)
Speicherung & Ausscheidung
Defäkation (Stuhlgang) — Ablauf
- Stuhl gelangt in Rektum → Dehnung der Rektumwand
- Dehnungsrezeptoren → Stuhldrang-Signal ans Gehirn
- Willkürliche Entspannung des äußeren Sphinkters
- Bauchpresse (Valsalva-Manöver) erhöht Druck
- Stuhl wird ausgeschieden
Sphinktersystem
| Schließmuskel | Steuerung |
|---|---|
| Innerer Sphinkter | Unwillkürlich (autonom) → immer angespannt |
| Äußerer Sphinkter | Willkürlich (durch uns kontrollierbar) |
Pflegerelevanz
Stuhlinkontinenz = häufig in der Pflege · entsteht durch Schädigung des Sphinkters, neurologische Erkrankungen oder chronischen Durchfall · belastet Patienten emotional enorm (Scham!) · Kontinenzförderung ist Pflegeziel. Normaler Stuhl: braun (durch Sterkobilin = Bilirubin-Abbauprodukt) · geformt · weich · geruchlich auffällig durch Schwefelverbindungen der Darmflora.
