Verhalten im Notfall
Notfalldefinition · Erste Maßnahmen · Reanimation · Notruf · Häufige Notfälle · Lagerungen · AED
Definition — Was ist ein Notfall?
Notfall erkennen
Gestörte Vitalfunktionen erkennen
| Vitalfunktion | Zeichen der Störung |
|---|---|
| Atmung | Atemstillstand · Schnappatmung · AF <8 oder >30/min · SpO₂ <90% · Zyanose |
| Herz-Kreislauf | Pulslosigkeit · Tachykardie >150 oder Bradykardie <40 · Blutdruck nicht messbar · Blässe · Schock |
| Bewusstsein | Bewusstlosigkeit · keine Reaktion auf Ansprache · GCS <9 · Krämpfe · Delir |
Weitere Notfallsituationen
- Starke Blutungen / Schock
- Akuter Brustschmerz (Herzinfarkt?)
- Schlaganfall (FAST-Test!)
- Allergische Reaktion / Anaphylaxie
- Schwere Hypoglykämie
- Krampfanfall / Status epilepticus
- Akute Atemnot (Asthmaanfall, Lungenembolie)
- Vergiftung / Intoxikation
Zeitkritische Notfälle — die „Goldene Stunde»: Bei Herzstillstand verschlechtert sich die Überlebenschance um ca. 10% pro Minute ohne Reanimation. Bei Schlaganfall gilt: „Time is Brain» — jede Minute sterben ca. 1,9 Millionen Neuronen. Sofortiges Handeln rettet Leben!
Was man im Notfall NICHT tun sollte
Häufige Fehler — und warum sie gefährlich sind
| ❌ Fehler | Warum gefährlich? |
|---|---|
| Zögern / Abwarten | „Symptome beobachten und hoffen, dass es besser wird» → Zeitverlust kostet Leben! |
| In Panik geraten | Hektik überträgt sich auf den Patienten · unkoordinierte Maßnahmen verschlechtern die Situation → Ruhe bewahren, strukturiert handeln! |
| Patient alleine lassen | Besonders bei Atemnot, Bewusstseinsveränderung, Sturz → immer Sicht- oder Hörkontakt! |
| Medikamente ohne Anordnung geben | Keine Bedarfsmedikation „auf Verdacht» · keine Medikamente von Mitpatienten → Ausnahme: festgelegte Notfallstandards |
| Falsche Lagerung | Keine flache Rückenlage bei Atemnot · keine Schocklagerung bei Atemproblemen · Bewusstlose nie auf dem Rücken → stabile Seitenlage! |
| Essen/Trinken geben | Aspirationsgefahr! Kein Wasser „gegen Husten» → Nüchtern bis ärztliche Freigabe |
| Maßnahmen ohne Wissen durchführen | Keine Beatmung ohne Einweisung · keine Fremdkörperentfernung „blind» → lieber Basismaßnahmen korrekt! |
| Unklare Kommunikation | Nicht schreien, nicht diskutieren · nicht mehrere Personen gleichzeitig Anweisungen → klare, kurze Aussagen! |
| Hilfe nicht rufen | „Ich schaffe das alleine» ist gefährlich → frühzeitig Hilfe holen ist professionell! |
Erste Reaktion bei einem Notfall
Das strukturierte Vorgehen — C-A-B-C-D-E Schema
Sofortmaßnahmen bei Atemnot / Atemstörung
AVPU-Schema zur schnellen Bewusstseinseinschätzung: Alert (wach) · Voice (reagiert auf Ansprache) · Pain (reagiert nur auf Schmerz) · Unresponsive (keine Reaktion) → V, P, U = Notfall! GCS unter 9 = Atemwegssicherung nötig.
Kardiopulmonale Reanimation (CPR)
Ablauf der Reanimation — BLS-Algorithmus
🔴 BLS-Algorithmus (Basic Life Support) — Schritt für Schritt
Herzdruckmassage — Technik
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Druckpunkt | Mitte des Brustbeins (untere Hälfte) |
| Tiefe | 5–6 cm (nicht mehr, nicht weniger!) |
| Frequenz | 100–120 Drücke/min |
| Verhältnis | 30:2 (Drücken : Beatmen) |
| Handhaltung | Überkreuzte Hände · Finger gespreizt · Arme gestreckt |
| Entlastung | Vollständige Entlastung nach jedem Druck (Brust hebt sich) |
| Unterbrechungen | Max. 10 Sekunden (z.B. für Beatmung) |
Beatmung — Mund-zu-Mund / Hilfsmittel
- Atemvolumen: ca. 500–600 ml
- Dauer: ca. 1 Sekunde je Beatmung
- Brustkorb muss sich sichtbar heben
- Taschenmaske (Pocket Mask) bevorzugt
- Beutel-Masken-Beatmung im Rea-Team
- Ohne Beatmung: kontinuierliche Herzdruckmassage (100–120/min) wenn Beatmung nicht möglich
Säuglinge und Kinder:
- Säugling: 2 Finger · Tiefe 4 cm · Verhältnis 15:2
- Kind: 1 Hand · Tiefe 5 cm · Verhältnis 15:2
- Schnappatmung (agonale Atmung) ≠ normale Atmung → trotzdem mit CPR beginnen!
- Nur Herzdruckmassage (Hands-Only-CPR) ist besser als keine CPR — besonders in den ersten Minuten.
- ROSC (Return of Spontaneous Circulation) = Wiederherstellung des Eigenrhythmus → dann Nachsorge und Hypothermiebehandlung
- Post-Reanimationsbehandlung: Zieltemperatur-Management (TTM) 32–36°C für 24h (verhindert Hirnschäden)
Der Notruf — 5 W-Fragen
Strukturierter Notruf rettet Leben
Übergabe an Rettungsdienst / Arzt (SBAR)
S — Situation
Wer ist der Patient? Was ist das akute Problem?
B — Background
Diagnose, Vorgeschichte, Medikamente
A — Assessment
Vitalzeichen · meine Einschätzung
R — Recommendation
Was brauche ich? Welche Maßnahmen?
112 = europäische Notrufnummer (auch aus dem Handy ohne SIM-Karte erreichbar). 110 = Polizei. 116 117 = Ärztlicher Bereitschaftsdienst (kein Notfall!). In der Klinik: Reanimationsruf intern ansagen — den Alarm möglichst früh auslösen, nicht erst wenn Patient bereits kollabiert!
Häufige Notfälle in der Pflege
Erkennen und Erstmaßnahmen
| Notfall | Erkennungszeichen | Sofortmaßnahmen Pflege |
|---|---|---|
| 🫀 Herzinfarkt (Myokardinfarkt) |
Vernichtender Brustschmerz · Ausstrahlung Arm/Kiefer · Schweißausbruch · Übelkeit · Atemnot · Todesangst | Sofort Arzt! · Flachlagerung (oder halbsitzend) · O₂ · Vitalzeichen · Notarzt 112 · Defibrillator bereitstellen · Acetylsalicylsäure nach Anordnung |
| 🧠 Schlaganfall (Apoplex / Stroke) |
FAST: Face (Gesichtslähmung) · Arm (Armlähmung) · Speech (Sprachstörung) · Time (sofort Notruf!) · Verwirrtheit · Sehstörung · Kopfschmerz | Sofort 112! · Bewusstsein + Atmung sichern · Oberkörper 30° hochlagern · NICHTS oral! · Genaue Zeitangabe (Lysetherapie-Zeitfenster 4,5h!) |
| 😱 Anaphylaxie (Allergischer Schock) |
Hautreaktion (Urtikaria, Rötung) · Atemnot · Hypotonie · Tachykardie · Bewusstlosigkeit · nach Allergenexposition | Allergen entfernen · Notruf 112 · flach lagern + Beine hoch (außer Atemnot!) · Adrenalin (Epipen) · O₂ · Venenzugang · Antihistaminika/Kortison nach Anordnung |
| 🍬 Hypoglykämie (BZ <50 mg/dl) |
Zittern · Schwitzen · Blässe · Verwirrtheit · Aggressivität · Bewusstlosigkeit · Hunger · Palpitationen | Bei Bewusstsein: Traubenzucker / Saft oral · bei Bewusstlosigkeit: kein oral! · Glucagon i.m. / Glukose 40% i.v. nach Anordnung · BZ-Kontrolle · Arzt |
| ⚡ Krampfanfall (Epilepsie / Eklampsie) |
Tonisch-klonische Zuckungen · Bewusstlosigkeit · Zungenbiss · Inkontinenz · postiktale Phase (Verwirrtheit) | NICHTS in den Mund! · Sturzgefahr sichern · Bettgitter hoch · Zeitnehmen (>5 Min = Status! → Notarzt) · nach Anfall: stabile Seitenlage · Arzt |
| 🩸 Schock (Verschiedene Formen) |
Blässe · Kaltschweißigkeit · Tachykardie · Hypotonie · Bewusstseinseintrübung · Oligurie · Angst | Notruf! · Schocklagerung (Beine hoch, außer Kardiogener Schock!) · Wärmeerhalt · Venenzugang · O₂ · Ursache behandeln · engmaschige Überwachung |
| 💨 Lungenembolie | Plötzliche Atemnot · Brustschmerz · Tachykardie · Todesangst · SpO₂ ↓ | Notruf! · Oberkörperhochlage · O₂ · Beine NICHT hochlagern! · Antikoagulation nach Anordnung |
| 🫁 Asthmaanfall | Giemen/Pfeifen · Atemnot · verlängerte Ausatmung · aufrechte Körperhaltung · Angst | Aufrechte Position / Kutschersitz · O₂ · Bronchodilatator (Spray) nach Anordnung · Arzt · bei Nichtansprechen: Notarzt |
FAST-Test beim Schlaganfall
F
Face
Gesicht hängt einseitig? Mund schief?
A
Arms
Ein Arm kann nicht gehoben werden?
S
Speech
Sprache undeutlich oder unverständlich?
T
Time
Sofort 112 anrufen!
- Schockformen: Hypovolämischer Schock (Blutung/Dehydration) · Kardiogener Schock (Herzversagen) · Septischer Schock (Infektion) · Anaphylaktischer Schock (Allergie) · Neurogener Schock (Rückenmark)
- Beim Krampfanfall NIEMALS etwas zwischen die Zähne stecken → Verletzungsgefahr für Patient und Pflegende! Der Mythos des Zungenschluckens ist falsch.
- Lysetherapie (Thrombolyse) beim Schlaganfall nur bis 4,5 Stunden nach Symptombeginn → exakte Zeitdokumentation lebensrettend!
AED — Automatischer Externer Defibrillator
Bedienung & Funktion
AED-Bedienung Schritt für Schritt
- AED einschalten (Deckel öffnen oder Knopf drücken)
- Elektroden aufkleben — Bilder auf Elektroden beachten! Rechts unter Schlüsselbein / links seitlich unter Brust
- CPR pausieren — Analyse läuft → niemanden berühren!
- Gerät analysiert → bei Schockempfehlung: alle weg vom Patienten
- Schock-Knopf drücken (nur wenn empfohlen)
- Sofort CPR fortsetzen — 2 Minuten · dann erneute Analyse
Wichtige Hinweise zum AED
- AED schockt nur bei Kammerflimmern/KT → bei Asystolie kein Schock!
- Brust muss trocken sein (Wasser → Verbrennungsgefahr)
- Bei Schrittmacher: Elektrode 5 cm Abstand zum Aggregat
- Pflaster entfernen vor Elektrodenanlage
- Kinder <8 Jahre: Kinderelektroden oder Kindermodus
- Während Schock: niemanden berühren!
- CPR sofort nach Schock fortsetzen
AED sind in Deutschland öffentlich zugänglich (Bahnhöfe, Flughäfen, Einkaufszentren) und auf einem interaktiven AED-Standortplan (aed.de / Apps) auffindbar. In Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern müssen AED einsatzbereit und regelmäßig gewartet sein. Kammerflimmern ist der häufigste initiale Herzrhythmus beim plötzlichen Herztod — jede Minute ohne Defibrillation senkt die Überlebenschance um 7–10%!
Notfalllagerungen
Welche Lagerung bei welchem Notfall?
| Lagerung | Indikation | Beschreibung |
|---|---|---|
| 🛌 Stabile Seitenlage | Bewusstlose mit Spontanatmung | Seitenlage · Mund nach unten · Atemwege frei · verhindert Aspiration von Erbrochenem |
| 🔺 Schocklagerung | Hypovolämischer Schock · Kreislaufversagen | Flach + Beine 20–30° hochlagern → verbessert venösen Rückstrom zum Herz NICHT bei: Kardiogenem Schock · Atemnot · Schädel-Hirn-Trauma · Bauchtrauma |
| 📐 Oberkörperhochlage | Atemnot · Herzinsuffizienz · Lungenembolie | 30–45° Oberkörperhoch · erleichtert Atemarbeit · Zwerchfell wird entlastet |
| 🔴 Herzbett | Kardiogener Schock · schwere Herzinsuffizienz | Oberkörper hoch + Beine herabhängend → reduziert venösen Rückstrom → Herzentlastung |
| ▶️ Linksseitenlage | Schwangere im letzten Trimenon | Verhindert Vena-cava-Kompressionssyndrom → verbessert Blutfluss zu Plazenta |
| 📏 Oberkörperhoch 30° | Schlaganfall · erhöhter Hirndruck | Verbessert venösen Abfluss aus dem Schädel → reduziert Hirnödem |
| 🤸 Halbsitzend | Herzinfarkt (ohne Schock) | Halbsitzend ca. 45° → reduziert Herzarbeit · erleichtert Atmung |
Die stabile Seitenlage ist eine der wichtigsten Basismaßnahmen — verhindert Aspiration bei bewusstlosen Patienten mit Spontanatmung. Modifizierte Schocklagerung (Beine hoch): Gilt als veraltet bei einigen Schockformen. Aktuelle Leitlinien empfehlen eine horizontale Lagerung mit Beinerhöhung maximal 30° als sinnvoll. Bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung: keine Lagerungsveränderung ohne HWS-Immobilisation!
