Bewegungslehre · Massen & Zwischenräume · Zug & Druck · Scherkräfte · Ergonomie · Rückengesundheit
Teil 1 — Kinästhetik
Definition & Grundgedanke
Was ist Kinästhetik?
Grundgedanke
Bewegung wird durch die Sinne wahrgenommen und gelernt. Durch bewusstes Wahrnehmen können Bewegungen optimiert und der Körper geschont werden.
„Kinästhetik heißt nicht: Ich bewege dich.
Kinästhetik heißt: Ich helfe dir, deine eigene Bewegung zu nutzen.»
Ziele der Kinästhetik
- Bewegung für Patient + Pflegende physiologisch gestalten
- Rückengesundheit der Pflegekraft schützen
- Ressourcen des Patienten erkennen + einsetzen
- Bewegung angst-, stress- und schmerzfrei gestalten
- Selbstbestimmtes Leben des Patienten fördern
- Dekubitus- und Kontrakturprophylaxe unterstützen
🤝
Partnerschaftlich
Pflegende bewegen nicht für den Patienten, sondern mit ihm
💚
Ressourcenorientiert
Vorhandene Bewegungsfähigkeiten bestmöglich nutzen
👁️
Wahrnehmungsschulung
Feinfühliges Wahrnehmen von Bewegungsreizen erlernen
Kinästhetik wurde in den 1970er Jahren von Frank Hatch und Lenny Maietta (USA) entwickelt und in den 1980er Jahren durch Susanne Bauder-Mißbach in die deutschsprachige Pflege eingeführt. Sie ist heute fester Bestandteil der Pflegeausbildung und in vielen Einrichtungen Standard.
Massen & Zwischenräume
Der Körper in der Kinästhetik
🦴 Die 7 Massen (stabil, knöchern)
- Kopf
- Brustkorb (Thorax)
- Becken
- Linker Arm
- Rechter Arm
- Linkes Bein
- Rechtes Bein
→ Kontakt an Massen fördert Bewegung
🔗 Die 6 Zwischenräume (beweglich, muskulär)
- Hals (zw. Kopf + Brustkorb)
- Taille (zw. Brustkorb + Becken)
- Linkes Schultergelenk
- Rechtes Schultergelenk
- Linkes Hüftgelenk
- Rechtes Hüftgelenk
→ Kontakt an Zwischenräumen hemmt Bewegung!
Praktische Anwendung: Masse für Masse bewegen
❌ Falsch (häufiger Fehler)
- Patienten im Ganzen bewegen (Heben)
- An Zwischenräumen (Taille, Hals) greifen
- Patient passiv tragen statt führen
- Ruckartige, schnelle Bewegungen
✅ Richtig (kinästhetisch)
- Masse für Masse schrittweise verlagern
- An Massen (Becken, Brustkorb, Kopf) berühren
- Patient aktiv mitbewegen lassen
- Sanfte, rhythmische Impulse setzen
Beispiel Aufstehen: Druck auf Knie (Masse) → Patient verlagert Gewicht auf Füße. Greifen an der Taille (Zwischenraum) → Patient kann sich nicht aufstützen, Pflegende muss heben.
Das schrittweise Verlagern (Masse für Masse) ermöglicht dem Patienten, eigene Ressourcen einzusetzen. Statt den Patienten im Ganzen zu heben, wird eine Masse nach der anderen bewegt — jedes Mal entsteht eine neue Ausgangslage, die weitere Eigenaktivität ermöglicht. Das reduziert die körperliche Belastung der Pflegenden um bis zu 70%!
Zug & Druck
Bewegungsqualität gezielt einsetzen
Druck = Bewegung oder Berührung, die den Körper zum Mittelpunkt hinführt (verdichtet, stabilisiert)
Beispiel: Leichter Zug an der Hand beim Aufstehen → Patient richtet sich selbst auf
Beispiel: Druck gegen Rücken oder Becken → Patient dreht sich leichter
Anwendungen im Pflegealltag
| Pflegesituation | Zug anwenden | Druck anwenden |
|---|---|---|
| Aufstehen aus dem Bett | Zug an der Hand → Patient richtet Oberkörper auf | Druck auf Knie → Patient verlagert Gewicht auf Füße |
| Umpositionieren im Bett | Zug am Arm → Patient dreht Schulter mit | Druck gegen Becken → Drehbewegung unterstützen |
| Gleichgewicht halten | Zug nach oben → Aufrichtung der Wirbelsäule | Druck nach unten → Stabilisierung des Standbeins |
| Transfer Bett → Stuhl | Zug an der Hand → Körperschwerpunkt verlagern | Druck auf Schulter → Senkbewegung begleiten |
Zug und Druck sind die zwei grundlegenden Berührungsqualitäten in der Kinästhetik. Beide können kombiniert werden, um komplexe Bewegungen zu unterstützen. Entscheidend ist: Immer an den Massen ansetzen, nie an Zwischenräumen (Gelenken, Taille, Hals). Die Intensität ist stets sanft und führend — niemals ruckartig oder zwanghaft.
Scherkräfte
Gewebeschäden durch Verschiebung
⚠️ Typisches Beispiel
Patient rutscht im Bett nach unten:
→ Haut am Steißbein bleibt an der Matratze „kleben»
→ Becken rutscht nach unten
→ Haut und darunterlegendes Gewebe verschieben sich gegeneinander
→ Gefäße werden abgequetscht
→ Gewebeschaden = Dekubitus entsteht!
Ursachen von Scherkräften
- Patient rutscht im Bett nach unten
- Zu schnelles Hochziehen am Arm/Schulter
- Falsche Transfertechnik (Ziehen statt Rollen)
- Oberkörperhochlage > 30° (begünstigt Rutschen)
- Rollstuhl ohne Fußstütze (Rutschen nach vorne)
Prävention durch Kinästhetik
- Masse-für-Masse-Technik statt Heben
- Gleitmittel / Gleittücher verwenden
- Keine Oberkörperhochlage > 30° ohne Notiz
- Regelmäßige Repositionierung
- Antirutschmaterialien im Bett
Hilfsmittel in der Kinästhetik
Entlastung für Patient & Pflegende
Der Einsatz von Hilfsmitteln ist keine Schwäche — er ist professionell und schützt sowohl die Pflegekraft (Berufskrankheit Rücken!) als auch den Patienten. Berufsgenossenschaftliche Regel (DGUV 100-010): In der Pflege darf keine Person regelmäßig allein angehoben werden. Hilfsmittel müssen bereitgestellt werden — das ist Arbeitgeberpflicht!
Teil 2 — Rückenschonendes Arbeiten
Anatomie & Belastung der Wirbelsäule
Warum ist die Wirbelsäule so gefährdet?
Aufbau der Wirbelsäule
| Abschnitt | Wirbel | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Halswirbelsäule (HWS) | 7 Wirbel | Sehr beweglich · Kopfrotation |
| Brustwirbelsäule (BWS) | 12 Wirbel | Wenig beweglich · Rippengelenke |
| Lendenwirbelsäule (LWS) | 5 Wirbel | Hauptbelastungszone! |
| Kreuzbein | 5 verwachsen | Verbindung zum Becken |
| Steißbein | 4–5 verwachsen | Rudiment |
Risikofaktoren für Rückenschäden
- Heben ohne Hilfsmittel (häufigste Ursache!)
- Verdrehte Haltung beim Heben
- Langes Bücken (statische Belastung)
- Zu niedriges Bett / Arbeitsfläche
- Einseitige Belastung (immer gleiche Seite)
- Fehlende Pausen / Übermüdung
- Schwaches Rumpfmuskel-Korsett
- Übergewicht
- Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) = häufige Berufskrankheit in der Pflege (BK-Nr. 2108 der DGUV). Betroffen meist L4/L5 und L5/S1 (untere LWS).
- Intradiskaler Druck beim Heben mit gebeugtem Rücken: bis zu 300 kg auf die Bandscheibe! Im Stehen: nur ca. 70 kg. → Rückenschonendes Heben reduziert Druck um über 75%!
Ergonomische Grundregeln
10 Goldene Regeln — Rückenschonendes Arbeiten
1. Bett auf Arbeitshöhe
Bett auf Hüft-/Gürtelhöhe einstellen → aufrechte Körperhaltung möglich · kein Bücken nötig
2. Knie beugen, Rücken gerade
Beim Heben aus den Beinen (Kniebeugebewegung) · Rücken immer gerade halten
3. Last körpernah halten
Je näher am Körper, desto geringer die Hebelwirkung auf die Wirbelsäule
4. Rumpfstabilisierung
Bauch- und Rückenmuskulatur vor dem Heben anspannen → natürliches Korsett
5. Keine Drehbewegung mit Last
Niemals drehen und gleichzeitig heben → Wirbelsäule immer als Einheit drehen
6. Breite Standfläche
Beine schulterbreit auseinander · Ausfallschritt möglich → stabiler Stand, bessere Balance
7. Hilfsmittel nutzen
Gleittuch, Rutschbrett, Lifter verwenden · Hilfsmittel sind Standard, kein Versagen!
8. Zu zweit arbeiten
Bei schweren / komplizierten Transfers immer zu zweit · Absprache vor der Handlung
9. Pausen einhalten
Muskulatur braucht Erholung · Kurzpausen einplanen · statische Belastung abwechseln
10. Rücken stärken
Regelmäßige Rückenkräftigung in der Freizeit · Schwimmen, Pilates, Rückengymnastik
Bett hoch · Rücken gerade · Knie beugen · Last nah · Hilfsmittel nutzen!
Bewegungsübungen — ABU & PBU
Aktive und passive Mobilisation
🏃 ABU — Aktive Bewegungsübungen
Ziele:
- Muskelkraft erhalten und stärken
- Gelenkbeweglichkeit fördern
- Koordination verbessern
- Eigenaktivität stärken
Beispiele:
- Arm selbst heben und senken
- Kniebeuge ohne Unterstützung
- Fußkreisen im Bett
- Selbstständiges Umdrehen
Merksatz: „Ich bewege selbst — aktiv wie ein Autopilot»
🤲 PBU — Passive Bewegungsübungen
Ziele:
- Gelenke beweglich halten (Kontrakturproph.)
- Durchblutung fördern
- Muskelatrophie verlangsamen
- Wohlbefinden steigern
Indikationen:
- Bewusstlosigkeit / Koma
- Schwere Lähmungen (Plegie)
- Frühphase nach schwerem Schlaganfall
- Intensivpatienten
⚠️ NICHT bei frischen Frakturen oder akuten Entzündungen!
Assistive Bewegungsübungen (Kombination)
AABU (Aktiv-Assistive Bewegungsübungen): Patient führt Bewegung soweit möglich selbst durch — Pflegende unterstützt nur dort, wo Eigenaktivität nicht ausreicht. Beste Kombination: maximale Aktivierung bei minimaler Fremdunterstützung. Entspricht dem Prinzip der aktivierenden Pflege!
- ABU und PBU werden in der Pflege häufig in pflegerische Routinehandlungen integriert: z.B. beim An-/Auskleiden, bei der Körperpflege, beim Essen reichen → kein separater „Übungsblock» nötig!
- Wichtig: Bei Patienten im Koma sind PBU besonders wichtig — Kontrakturrisiko ist extrem hoch, da kein Bewegungsantrieb vorhanden ist. Mindestens 2× täglich alle großen Gelenke passiv durchbewegen.
- Die Bewegungsübungen sollen immer schmerzfrei sein — bei Schmerzäußerung sofort stoppen und Arzt informieren.
