Kontrakturen
Definition · Formen · Bewegungsrichtungen · Risikofaktoren · Prophylaxe · Bewegungsübungen · Spitzfuß
Definition — Was ist eine Kontraktur?
Kontraktur verstehen
❌ Was passiert bei einer Kontraktur?
- Gewebe verkürzt sich dauerhaft
- Gelenk kann nicht mehr vollständig bewegt werden
- Schmerzen bei Bewegungsversuch
- Pflegeabhängigkeit steigt
- Oft schleichender Beginn → spät bemerkt!
- Kann zu Dekubitus führen (Scherkräfte!)
✅ Warum ist Prophylaxe so wichtig?
- Kontrakturen sind weitgehend vermeidbar
- Einmal entstanden: schwer bis nicht reversibel
- Behandlung: Physiotherapie, OP — langwierig!
- Prophylaxe kostet wenig Zeit → spart viel Leid
- Aktivierende Pflege schützt aktiv
Kontrakturen beginnen schleichend — erste Zeichen sind oft nur leichte Bewegungseinschränkungen, die Pflegekräfte übersehen. Bei bettlägerigen Patienten kann sich innerhalb von wenigen Wochen eine Kontraktur entwickeln. Besonders kritisch: Patienten im Koma, da sie sich nicht selbst bewegen können. Dort sind passive Bewegungsübungen (PBU) täglich zwingend notwendig!
Formen der Kontraktur
4 Kontrakturformen nach Ursache
🔴 Dermatogene Kontraktur
Ursache: Hautveränderungen durch Narbenbildung nach tiefen Hautverletzungen oder Verbrennungen im Bereich eines Gelenkes
→ Haut zieht das Gelenk in fixierte Stellung
Dermis = Haut
🟡 Tendomyogene Kontraktur
Ursache: Verkürzte Sehnen, Bänder oder Muskeln durch Ruhigstellung (Gips), fehlerhafte Lagerung, schmerzbedingte Schonhaltung, Muskelschäden
→ Häufigste Form in der Pflege!
Tendo = Sehne · Myo = Muskel
🔵 Arthrogene Kontraktur
Ursache: Schäden im Gelenk selbst, Zerstörung von Gelenkflächen durch Entzündungen (Rheuma, Arthritis), Tumore, Verletzungen des Knorpels/Knochens
→ Gelenk selbst ist beschädigt
Arthro = Gelenk
🟣 Neurogene Kontraktur
Ursache: Bewegungsstörung durch Schädigung des zentralen oder peripheren Nervensystems (Schlaganfall, Querschnittlähmung, Parkinson, Multiple Sklerose)
→ Nerv steuert Muskel nicht mehr korrekt
Neuro = Nerv
- Tendomyogen ist die in der Pflege häufigste Form — entsteht durch Immobilität, Schonhaltung und falsche Lagerung. Vollständig vermeidbar!
- Neurogene Kontrakturen entstehen z.B. nach Schlaganfall durch Spastik — der Muskeltonus ist erhöht, Muskeln ziehen sich dauerhaft zusammen
- Erkrankungen die besonders häufig zu Kontrakturen führen: Schlaganfall · Parkinson · Multiple Sklerose · Koma · Querschnittlähmung · Gicht · Arthrose · Rheuma
Kontrakturarten nach Bewegungsrichtung
In welcher Stellung ist das Gelenk fixiert?
Beugekontraktur (Flexionskontraktur)
Das Gelenk ist in Beugestellung fixiert · kann nicht mehr vollständig gestreckt werden
Häufig bei: Knie, Hüfte, Ellenbogen, Finger · typisch nach langer Bettlägerigkeit
Streckkontraktur (Extensionskontraktur)
Das Gelenk ist in Streckstellung fixiert · kann nicht mehr gebeugt werden
Seltener · z.B. nach Verletzungen oder Narben an der Gelenkrückseite
Adduktionskontraktur
Die Extremität kann nicht mehr ausreichend vom Körper weggeführt werden (Abduktion eingeschränkt)
ad = hin zum Körper → Arm/Bein bleibt nah am Körper fixiert
Abduktionskontraktur
Die Extremität kann nicht mehr ausreichend zum Körper hingeführt werden (Adduktion eingeschränkt)
ab = weg vom Körper → Extremität bleibt weggeführt fixiert
Spitzfußkontraktur (Plantarflexionskontraktur)
Der Fuß ist dauerhaft in Spitzfußstellung (Plantarflexion) fixiert · Dorsalflexion nicht mehr möglich
Häufigste Kontraktur in der Pflege! Entsteht durch Bettwäsche, die auf den Fuß drückt
Häufigste Kontrakturstellen in der Pflege
| Körperstelle | Kontrakturart | Ursache in der Pflege |
|---|---|---|
| Fuß | Spitzfußkontraktur | Schwere Bettwäsche · kein Fußbrett · lange Rückenlage |
| Knie | Beugekontraktur | Lagerung mit gebeugten Knien · Schonhaltung bei Schmerzen |
| Hüfte | Beugekontraktur | Dauerhaftes Sitzen · Rollstuhl ohne Streckphasen |
| Ellenbogen | Beugekontraktur | Arme nicht gestreckt · Spastik nach Schlaganfall |
| Finger/Hand | Beugekontraktur | Keine Handübungen · Spastik · fehlende Griffhilfen |
| Schulter | Adduktionskontraktur | Arm immer nah am Körper gehalten |
| Nacken/HWS | Flexionskontraktur | Kopf dauerhaft gebeugt gelagert (zu viele Kissen) |
Lateinische Vorsilben merken: „ab-» = weg, fort (Abduktion = wegführen) · „ad-» = hin, an (Adduktion = hinführen) · „Flexion» = Beugung · „Extension» = Streckung. In der Fachsprache wird oft Flexion/Extension statt Beugung/Streckung verwendet — beide Begriffe sind korrekt und austauschbar.
Risikofaktoren für Kontrakturen
Wer ist besonders gefährdet?
Patientenbezogene Risikofaktoren
- Immobilität — Bettlägerigkeit jeder Art
- Lähmungen — nach Schlaganfall, Querschnittlähmung
- Neurologische Erkrankungen — Parkinson, MS, ALS
- Bewusstlosigkeit / Koma
- Schmerzbedingte Schonhaltung
- Entzündliche Gelenkerkrankungen — Rheuma, Arthritis, Gicht
- Ortsfixierung — Rollstuhl, Pflegebett
- Spastik — erhöhter Muskeltonus
- Narbengewebe nach Verletzungen/Verbrennungen
- Höheres Alter — reduzierte Gewebselastizität
Pflegebezogene Risikofaktoren
- Falsche Lagerung (zu viele Kissen, Beugung)
- Keine regelmäßigen Positionswechsel
- Schwere Bettdecke auf Füßen
- Keine Fußstütze / kein Fußbrett
- Weichlagerung ohne Gegenmaßnahmen
- Fehlende Mobilisation
- Keine Bewegungsübungen
- Zu wenig Physiotherapie
- Schmerzen nicht ausreichend behandelt
Kontrakturrisiko einschätzen: Pflegende beurteilen bei der Pflegeanamnese die Beweglichkeit aller Gelenke. Besonderes Augenmerk auf Gelenkstellung, Beweglichkeit und Schmerzäußerungen. Früh erkanntes Risiko → frühzeitige Prophylaxe → Kontraktur vermieden! Gilt besonders für Patienten im Koma: dort sind PBU täglich zwingend!
Kontrakturenprophylaxe — Maßnahmen
Wie werden Kontrakturen verhindert?
- Kontrakturenprophylaxe lässt sich in alle ATL/ABEDL-Bereiche integrieren: beim Waschen Arme/Beine bewegen · beim Anziehen Hand strecken und beugen lassen · beim Essen aufrecht sitzen · beim Positionieren Gelenke bewegen
- Lagerung in Neutralstellung (0°-Stellung): Alle Gelenke möglichst in der Mitte ihres Bewegungsraums halten — weder max. gebeugt noch max. gestreckt
- Interdisziplinäres Team: Pflege + Physiotherapie + Ergotherapie + Arzt → gemeinsame Prophylaxe und Therapieplanung
Bewegungsübungen — ABU & PBU
Aktive und Passive Bewegungsübungen
💪 ABU — Aktive Bewegungsübungen
Definition: Bewegung wird vom Patienten selbst aktiv ausgeführt — ohne Hilfe von außen
- Muskulatur wird gestärkt
- Gelenkbeweglichkeit erhalten
- Koordination und Propriozeption gefördert
- Patient ist aktiv beteiligt → motivierend
- Durchblutung verbessert
Beispiel: Arm heben ohne Hilfe · Kniebeugen ohne Unterstützung · Fußkreisen selbstständig
Merksatz: „Ich bewege selbst — aktiv wie ein Autopilot!»
🤝 PBU — Passive Bewegungsübungen
Definition: Bewegung wird vom Therapeuten/Pflegenden durchgeführt — Patient arbeitet nicht aktiv mit
- Muskulatur wird NICHT gestärkt
- Gelenkbeweglichkeit erhalten
- Durchblutung verbessert
- Dehnungsreize setzen
- Für Koma, vollständige Lähmung
Beispiel: Pflegeperson bewegt Arm des Patienten durch alle Bewegungsebenen · Bein sanft beugen und strecken
Merksatz: „Ich werde bewegt — passiv wie ein Passagier!»
Assistierte / Teilaktive Bewegungsübungen (AABU)
Zwischen ABU und PBU gibt es die assistierten Bewegungsübungen: Patient bewegt so weit er kann, Pflegekraft unterstützt nur den Rest — fördert Eigenaktivität maximal! Ziel: immer so viel Eigenaktivität wie möglich.
Durchführungsgrundsätze bei Bewegungsübungen
| Grundsatz | Begründung |
|---|---|
| Sanft und langsam | Kein ruckartiges Bewegen → Verletzungsgefahr (Sehnen, Gelenke) |
| Durch alle Bewegungsebenen | Flexion/Extension · Abduktion/Adduktion · Rotation → vollständige Prophylaxe |
| Schmerzgrenze beachten | Niemals gegen Widerstand oder in den Schmerz hinein bewegen! |
| Immer ankündigen | Patient über jede Bewegung informieren → Vertrauen · kein Erschrecken |
| Regelmäßig und täglich | Nur kontinuierliche Übungen verhindern Kontrakturen |
| Dokumentieren | Durchgeführte Übungen + Reaktionen des Patienten dokumentieren |
| Nicht bei frischen Frakturen/OPs | Erst nach ärztlicher Freigabe → Verletzungsrisiko! |
Bei Patienten im Koma sind PBU besonders wichtig und unverzichtbar — da keine Eigenaktivität möglich ist, ist das Kontrakturrisiko extrem hoch. PBU täglich, alle Gelenke, alle Ebenen. Kinästhetik als Grundlage: Patient „Masse für Masse» bewegen → Eigenressourcen nutzen wenn möglich → Pflegende schonen sich und den Patienten gleichzeitig.
Spitzfuß — Die häufigste Kontraktur in der Pflege
Spitzfußkontraktur erkennen und verhindern
Entstehung des Spitzfußes
- Patient liegt mit Füßen unter schwerer Decke
- Deckengewicht drückt Fuß in Plantarflexion
- Wadenmuskulatur (M. gastrocnemius) verkürzt sich
- Achillessehne verkürzt sich dauerhaft
- → Spitzfußkontraktur entsteht in Wochen!
Folgen des Spitzfußes
- Gehen nicht möglich (Ferse berührt Boden nicht)
- Aufstehen aus dem Bett erschwert
- Druckstellen an Fußrücken/Zehen
- Erhöhtes Sturzrisiko
- Schmerzen bei Bewegung
- Pflegeabhängigkeit steigt massiv
Maßnahmen zur Spitzfuß-Prophylaxe
🦶 Fußstütze
- Weiche Fuß-Aktiv-Stütze verwenden
- Hält Fuß in Neutralstellung
- Verhindert Plantarflexion
- Nicht zu hart → kein Druckgeschwür!
🛏️ Lagerung
- Füße NICHT unter Decke pressen
- Beine im Wechsel aufstellen
- Füße in Matratze drücken lassen
- Vorfuß zum Fußrücken beugen
💪 Übungen
- Dorsalflexionsübungen täglich
- Fußkreisen aktiv oder passiv
- Fußsohlenkontakt beim Sitzen
- Frühes Aufstehen fördern
Der Spitzfuß kann bei konsequenter Prophylaxe in fast 100% der Fälle verhindert werden — er entsteht ausschließlich durch Pflegefehler oder unterlassene Maßnahmen. Eine einmal entstandene schwere Spitzfußkontraktur erfordert meist monatelange Physiotherapie, Schienen oder sogar operative Eingriffe. Die Prophylaxe dauert Sekunden täglich!
