Hautaufbau · Dekubitusstadien · Prophylaxe · Berührung · Scham · Ekel · Distanzzonen in der Pflege
Die Haut — Aufbau & Funktionen
Das größte Organ des Körpers
Die 3 Hautschichten
Kein Blut · keine Nerven · besteht aus Keratinozyten · bildet Hornschicht (Stratum corneum) · Melanin (Pigment) · Langerhans-Zellen (Immunabwehr) · ständige Zellerneuerung (~28 Tage)
Kollagen + Elastin (Festigkeit + Elastizität) · Blutgefäße · Nervenenden · Haarwurzeln · Talg- und Schweißdrüsen · Tastkörperchen (Meissner) · Druckkörperchen (Vater-Pacini)
Fettgewebe · Wärmeisolation · Energiespeicher · Stoßdämpfer · Verbindung zu tiefer liegenden Strukturen (Muskeln, Knochen) · i.s.c.-Injektionen!
Funktionen der Haut
🛡️
Schutzfunktion
Schutz vor Erregern, UV-Strahlung, Austrocknung, mechanischen Einwirkungen
🌡️
Thermoregulation
Schweiß kühlt · Blutgefäße weiten/verengen sich · Gänsehaut (Wärmeerhalt)
👆
Wahrnehmung
Berührung · Schmerz · Temperatur · Druck durch Sinnesrezeptoren
☀️
Vitamin-D-Synthese
UV-Licht → Vitamin-D-Bildung → wichtig für Kalzium-Phosphat-Haushalt + Knochen
🧪
Stoffwechsel
Ausscheidung über Schweiß · Absorption (z.B. Pflaster-Medikamente) · Immunabwehr
💧
Feuchtigkeitsregulation
Verhindert übermäßigen Wasserverlust · Hydrolipidfilm auf Hautoberfläche
Pflegerelevante Hautveränderungen beobachten
| Zeichen | Mögliche Bedeutung |
|---|---|
| Rötung (Erythem) | Druckstelle, Entzündung, beginnender Dekubitus → sofort handeln! |
| Blasen | Verbrühung, Reibung, Herpes, Dekubitus Grad 2 |
| Trockenheit / Schuppung | Dehydratation, Neurodermitis, Psoriasis, Alter |
| Ikterus (Gelbfärbung) | Lebererkrankung, Gallenwegsproblem, Hämolye |
| Zyanose (Blauverfärbung) | Sauerstoffmangel → Notfall! |
| Ödeme | Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz, Veneninsuffizienz |
| Petechien (Punktblutungen) | Gerinnungsstörung, Sepsis, Medikamentennebenwirkungen |
- pH-Wert der Haut: 4,5–5,5 (leicht sauer) → schützt vor Keimen (Säureschutzmantel). Alkalische Pflegeprodukte oder häufiges Waschen zerstören diesen → Irritationen, Infektionsrisiko ↑
- Hautturgur = Hautspannung · bei Dehydratation verringert (Hautfalte bleibt stehen) → schneller Hydratationstest im Pflegealltag
- Im Alter: Haut wird dünner, trockener, weniger elastisch · Heilung verlangsamt · Dekubitusrisiko steigt erheblich
Dekubitus — Druckgeschwür
Definition & Entstehung
Entstehungsmechanismus
- Anhaltender Druck auf Gewebe (>32 mmHg)
- Blutgefäße werden komprimiert
- Durchblutung unterbrochen → Ischämie
- Sauerstoff- und Nährstoffmangel
- Zelluntergang → Gewebsnekrose
- Dekubitus entsteht von innen nach außen!
⏱️ Zeitfaktor
Bereits nach 2 Stunden ununterbrochenen Drucks kann irreversible Gewebsschädigung entstehen → Umlagerung alle 2h!
Risikofaktoren
| Faktor | Beispiele |
|---|---|
| Immobilität | Bettlägerigkeit · Lähmungen · Sedierung |
| Druck/Scherkräfte | Falsche Lagerung · Rutschen im Bett |
| Feuchtigkeit | Inkontinenz · Schwitzen · Wunden |
| Mangelernährung | Eiweißmangel · Dehydratation |
| Systemische Erkrankungen | Diabetes · pAVK · Herzinsuffizienz |
| Hohes Alter | Dünne, trockene, fragile Haut |
| Sensibilitätsstörung | Kein Schmerzempfinden → kein Lageimpuls |
Häufigste Dekubitusstellen (knöcherne Vorsprünge)
- Scherkräfte entstehen wenn Haut und darunter liegendes Gewebe in verschiedene Richtungen verschoben werden (z.B. Patient rutscht im Bett) → besonders gefährlich!
- Reibung (z.B. beim Transfer über die Bettkante) schädigt Epidermis → begünstigt Dekubitus
- Feuchtigkeit (Inkontinenz, Schweiß) mazeriert die Haut → macht sie 5× anfälliger für Druckschäden
- Dekubitus = vermeidbare Pflegekomplikation → in den meisten Fällen durch konsequente Prophylaxe verhinderbar → rechtliche Relevanz!
Dekubitusstadien nach NPUAP/EPUAP
4 Stadien + Zusatzkategorien
Nicht wegdrückbare Rötung
Intakte Haut mit nicht wegdrückbarer Rötung · Haut noch geschlossen · Bereich warm, hart oder weich
→ Sofort Druck entlasten! Heilung möglich
Teilverlust der Haut
Verlust der Epidermis und/oder Dermis · offene Wunde (flaches Geschwür) oder intakte/geöffnete Blase
→ Wundversorgung + Druckentlastung
Vollständiger Hautverlust
Verlust aller Hautschichten · Subkutis sichtbar · keine Faszien/Muskeln/Sehnen sichtbar · Nekrosen möglich · Unterminierung möglich
→ Intensivwundversorgung + Arzt
Vollständiger Gewebeverlust
Freiliegende Knochen, Sehnen oder Muskeln sichtbar · Nekrosen · oft tiefer als er aussieht · lebensbedrohlich!
→ Sofort Arzt/Chirurgie!
Risikoeinschätzung — Braden-Skala
Die Braden-Skala ist das am häufigsten verwendete Assessment-Instrument zur Einschätzung des Dekubitusrisikos. 6 Bereiche werden bewertet:
Punktzahl 6–23 · je niedriger der Score, desto höher das Risiko · <18 Punkte = erhöhtes Risiko → Prophylaxe intensivieren!
Neben der Braden-Skala wird auch die Norton-Skala verwendet (5 Bereiche: Allgemeinzustand, Geistiger Zustand, Aktivität, Mobilität, Inkontinenz). Beide sind pflegerische Risikoeinschätzungsinstrumente — die Diagnose Dekubitus stellt immer ein Arzt. Dokumentationspflicht: Jede Risikoeinschätzung + jede Maßnahme muss dokumentiert werden!
Dekubitusprophylaxe
Maßnahmen zur Verhinderung von Dekubitus
| Maßnahme | Beschreibung & Ziel |
|---|---|
| 🔄 Regelmäßige Umlagerung | Alle 2 Stunden umlagern bei bettlägerigen Patienten · nach individuellem Lagerungsplan · entlastet Druckstellen |
| 📐 Korrekte Lagerung | 30°-Schräglagerung (nicht 90°!) · Weichlagerungsmaterialien (Schaumstoff, Wechseldrucksysteme) · knöcherne Vorsprünge freistellen |
| 🏃 Frühmobilisation | So früh wie möglich aufstehen und sitzen · Mobilisation = beste Prophylaxe! |
| 🧴 Hautpflege | Haut trocken + sauber halten · pflegende Lotionen (pH-neutral) · Inspektion der Haut täglich! |
| 🍎 Ernährung + Hydratation | Ausreichend Eiweiß · Vitamin C + Zink für Wundheilung · mindestens 1,5–2 l täglich trinken |
| 🛏️ Antidekubitus-Matratze | Wechseldrucksysteme · Schaumstoffmatratzen · Gelkissen für Rollstuhl |
| 💧 Feuchtigkeitsschutz | Inkontinenz versorgen · Hautschutzcremes · feuchte Haut ist 5× gefährdeter! |
| 📝 Dokumentation | Risikoeinschätzung (Braden) · Lagerungsprotokoll · Hautbefund täglich dokumentieren |
30°-Schräglagerung: Nur 30° Neigung statt 90° (echte Seitenlage) → Druck auf Trochanter major vermieden · Patient liegt stabil · am besten mit Positionierungskissen. Fersenhochlagern: Fersen mit Kissen vollständig freistellen (nicht nur polstern!) → häufig vernachlässigt, Fersen = zweithäufigste Dekubitusstelle!
Berührungen in der Pflege
Bedeutung und Wirkung von Berührung
Positive Wirkungen von Berührung
Sicherheit und Geborgenheit vermitteln
In schwierigen Momenten Nähe geben, Ängste lindern
Eigenen Körper besser spüren und akzeptieren
Leichte Berührungen / Massagen können Schmerzen lindern (Gate-Control-Theorie)
Besonders wichtig wenn verbale Kommunikation nicht möglich ist
Gefahren bei fehlender Berührung
- Gefühl der Isolation und Einsamkeit
- Mangel an emotionaler Unterstützung
- Verlust der Körperwahrnehmung
- Erhöhte Angst und Stress
- Depressive Verstimmungen
- Rückzugsverhalten
Gründe für reduzierte Berührung in der Pflege
Berührungen in der Pflege sind ein mächtiges Werkzeug — sie müssen mit Sensibilität und Respekt eingesetzt werden. Oxytocin (Bindungshormon) wird bei angenehmen Berührungen ausgeschüttet → senkt Stresshormone, stärkt Vertrauen. Pflegende müssen lernen, professionelle Berührung von persönlicher Nähe zu unterscheiden und Grenzen klar zu kommunizieren.
Scham in der Pflege
Scham erkennen und professionell damit umgehen
Signale von Scham erkennen
🗣️ Verbale Signale
- „Das ist mir unangenehm…»
- Leises Sprechen
- Ausweichantworten
- „Lassen Sie mich…»
🙈 Nonverbale Signale
- Erröten
- Blick abwenden
- Arme verschränken
- Abwehrbewegungen
- Lachen als Abwehrreaktion
🚫 Vermeidungsverhalten
- Patient zieht sich zurück
- Lehnt Pflege ab
- Verzögert Hilfe anzunehmen
- Verleugnet Bedürfnisse
Professioneller Umgang mit Scham
| Maßnahme | Beschreibung |
|---|---|
| Bewusstes Wahrnehmen | Scham des Patienten (und eigene!) erkennen und ernst nehmen |
| Sichtschutz schaffen | Vorhang, Tür schließen, Bettnachbarn berücksichtigen |
| Anklopfen + Ankündigen | Immer vor dem Betreten des Zimmers und vor jeder Handlung |
| Selbstständigkeit fördern | Patient so viel wie möglich selbst machen lassen |
| Nur entblößen was nötig | Nur den Körperbereich freilegen der gerade behandelt wird |
| Privatbereich respektieren | Bett und Nachtschränkchen des Patienten nicht ohne Erlaubnis berühren |
| Nie direkt ansprechen | Schamgefühle nicht direkt ansprechen, sondern umschreiben: „Den meisten Patienten ist das sehr unangenehm…» |
| Gleiches Geschlecht bevorzugen | Wenn möglich und gewünscht pflegende Person gleichen Geschlechts einsetzen |
Scham ist kulturell unterschiedlich: In manchen Kulturen ist es für Frauen nicht akzeptabel, von männlichen Pflegenden versorgt zu werden. In anderen ist jede Form der Körperexposition mit Fremden beschämend. Kultursensible Pflege = individuelle Schamgrenzen erfragen und respektieren. Scham ist keine Schwäche — es ist ein Zeichen, dass jemand seine Würde schützt!
Ekel in der Pflege
Ekel erkennen, akzeptieren und professionell damit umgehen
Typische Ekel-auslösende Situationen in der Pflege
- Ausscheidungen (Stuhl, Urin, Erbrochenes)
- Infizierte, nekrotische oder riechende Wunden
- Starker Körpergeruch
- Sekretion aus Körperöffnungen
- Bestimmte Geräusche (Würgen, Schmatzen)
- Körperliche Entstellungen
- Parasiten (Läuse, Krätze)
Tipps im Umgang mit Ekelgefühlen
- Offenheit im Team — Es muss möglich sein zu sagen: „Das kann ich gerade nicht»
- Schutzmaßnahmen — Handschuhe, Kittel, Mundschutz konsequent nutzen
- Pausen nach belastenden Situationen
- Pflegeplanung — ekelbelastende Situationen reduzieren (Kontinenzförderung, Dekubitusprophylaxe)
- Perspektivwechsel — „Ich helfe jemandem der Hilfe braucht»
- Supervision / kollegiale Beratung nutzen
- Coping-Strategien erlernen und trainieren
Ekel bei Patienten: Auch Patienten können Ekel empfinden — z.B. bei der eigenen Pflege, bei Gerüchen oder Wunden am eigenen Körper. Das kann zu Ablehnung von Pflegeleistungen führen. Pflegende müssen sensibel auf Ekelsignale des Patienten achten und Würde wahren. Ekel kann Pflegebeziehungen belasten — reflektierter Umgang ist essenziell für professionelle Pflege.
Distanzzonen in der Pflege
Räumliche Nähe und Distanz nach Edward T. Hall
Intime Zone
Nur für engste Vertraute (Familie, Partner) · in der Pflege: Körperpflege, Intimpflege, Verbände
→ Immer ankündigen + Einverständnis!
Persönliche Zone
Für Freunde und bekannte Personen · in der Pflege: Pflegegespräche, Beratung, Beobachtung
→ Vertraulich, respektvoll
Soziale Zone
Für Bekannte, Arbeitskollegen · in der Pflege: Teamgespräche, Visite, allgemeine Ansprache
→ Siezen/Duzen, Umgangsformen
Öffentliche Zone
Für unbekannte Personen · in der Pflege: Vorträge, Schulungen, öffentliche Ansprache
→ Formell, distanziert
Pflegerische Konsequenzen der Distanzzonen
| Distanzzone | Pflegemaßnahme | Was zu beachten |
|---|---|---|
| Intim (0–50 cm) | Körperpflege · Intimpflege · Verbandswechsel · Injektionen | Immer anklopfen · ankündigen · erklären · Einverständnis einholen · Sichtschutz |
| Persönlich (50–120 cm) | Pflegegespräch · Beratung · Beobachtung | Respektvolle, ruhige Atmosphäre · Augenhöhe · nicht von oben herab |
| Sozial (120–360 cm) | Teamübergabe · Visite · allgemeine Information | Zimmer anklopfen · Privatsphäre des Zimmers respektieren |
✅ So respektieren Sie Distanzzonen
- Anklopfen BEVOR das Zimmer betreten wird
- IMMER erklären was als nächstes passiert
- Einverständnis des Patienten einholen
- Nur entblößen was nötig ist
- Auf Reaktionen des Patienten achten
- Kulturelle Unterschiede berücksichtigen
❌ Das verletzt Distanzzonen
- Zimmer ohne Anklopfen betreten
- Pflege ohne Ankündigung beginnen
- Unnötiges Entblößen
- Über Patient sprechen als wäre er nicht da
- Private Gegenstände anfassen ohne Erlaubnis
- Intimes in Anwesenheit von Dritten besprechen
Kulturelle Unterschiede bei Distanzzonen: In mediterranen/arabischen Kulturen ist die persönliche Zone oft kleiner (mehr Körperkontakt normal) · in asiatischen/nordeuropäischen Kulturen oft größer. In der Pflege gilt: immer individuell erfragen was dem Patienten angenehm ist. Das Zimmer des Patienten ist sein „Wohnraum auf Zeit» — Privatsphäre hat auch hier Vorrang!
