Anatomie der Atemwege · Atemphysiologie · Pneumonie · LISA-Prinzip · Pflegeinterventionen
Das Atemsystem — Überblick
Definition & Funktion
🌬️ Äußere Atmung
Gasaustausch in der Lunge zwischen Alveolen und Kapillaren (Inspiration + Expiration)
⚡ Innere Atmung
Zellatmung = biologische Oxidation der Nährstoffe in den Mitochondrien → Energiegewinnung (ATP)
Das Atmungssystem heißt auch respiratorisches System. Die äußere Atmung ist Voraussetzung für die innere Atmung (Zellatmung). Ohne ausreichend O₂ können die Zellen keine Energie produzieren → Zelluntergang innerhalb von Minuten!
Anatomie der Atemwege
Obere & Untere Atemwege
Obere Atemwege
- Nase — filtert, wärmt, befeuchtet
- Nasennebenhöhlen
- Rachen (Pharynx)
- Stimmbänder
Untere Atemwege
- Kehlkopf (Larynx)
- Luftröhre (Trachea)
- Bronchien → Bronchiolen
- Alveolen (Lungenbläschen)
Vollständiger Atemweg (von außen bis ins Blut)
Aufgaben der Nase
🌡️
Erwärmen der Atemluft durch Blutgefäße
💧
Befeuchten durch Schleimhautdrüsen
🧹
Reinigen durch Flimmerhärchen + Schleim
Der Rachen (Pharynx) — 3 Abschnitte
| Abschnitt | Lage | Epithel |
|---|---|---|
| Nasopharynx (Nasenrachen) | Oberes Drittel · Nasenöffnungen münden hier | Respiratorisches Epithel |
| Oropharynx (Mundrachen) | Mittleres Drittel · Kreuzung Speise-/Luftweg | Mehrschichtiges Plattenepithel |
| Laryngopharynx (Kehlkopfrachen) | Unteres Drittel · eigentlicher Schluckakt | Mehrschichtiges Plattenepithel |
Die Flimmerhärchen (Zilien) der Schleimhaut bewegen sich rhythmisch Richtung Rachen — sie transportieren eingeatmete Fremdkörper und Schleim aus den Atemwegen heraus. Dieser Mechanismus heißt mukoziliäre Clearance — wird durch Rauchen, Austrocknung und Infektionen gestört! Die Alveolen haben eine Gesamtoberfläche von ca. 70–100 m² — so groß wie ein Tennisplatz.
Atemphysiologie & Atmungsformen
Inspiration, Expiration & Gasaustausch
🌬️ Inspiration (Einatmung)
- Zwerchfell zieht sich zusammen → senkt sich
- Rippenmuskeln heben Brustkorb an
- Lungenvolumen nimmt zu → Unterdruck → Luft strömt ein
- O₂ gelangt in die Alveolen
💨 Expiration (Ausatmung)
- Zwerchfell erschlafft → hebt sich
- Rippenmuskeln entspannen
- Lungenvolumen nimmt ab → Überdruck → Luft strömt aus
- CO₂ wird abgeatmet
Gasaustausch in den Alveolen
O₂ diffundiert aus Alveolen → Blut
CO₂ diffundiert aus Blut → Alveolen
Atemtypen
Bauchatmung (Zwerchfellatmung)
Hauptsächlich Zwerchfell beteiligt · tiefere Atemzüge · effizienter · bei Männern dominant
Brustatmung (Rippenatmung)
Hauptsächlich Rippen-/Atemhilfsmuskeln · flacher · bei Frauen häufiger · bei Atemnot erkennbar
Die Atemhilfsmuskeln (Hals-, Schulter- und Rückenmuskeln) werden bei erschwerter Atmung eingesetzt. Wenn jemand die Arme abstützt um zu atmen (Kutschersitz), nutzt er die Atemhilfsmuskeln — ein wichtiges Beobachtungszeichen in der Pflege! Normale Atemfrequenz Erwachsene: 12–18 Atemzüge/min.
Pneumonie — Lungenentzündung
Definition & Entstehung
Entstehungsmechanismen
❌ Ungenügende Belüftung
Schonatmung bei Schmerzen → Alveolen kollabieren → Atelektase
❌ Sekretansammlung
Fehlende Hustenkapazität → Sekret stagniert → Keimwachstum
❌ Aspiration
Einatmen von Flüssigkeit/Mageninhalt bei Schluckstörung (Dysphagie)
Symptome der Pneumonie
Atelektase = zusammengefallene Lungenbläschen, die nicht mehr belüftet werden → Pneumonievorstufe! Häufig bei bettlägerigen Patienten. Die Zwerchfellatmung und Mobilisation sind die wichtigsten Prophylaxemaßnahmen dagegen. Meldepflichtig: Bestimmte Pneumonien (z.B. Legionellose) sind in Deutschland meldepflichtig nach IfSG.
Risikofaktoren für Pneumonie
Wer ist besonders gefährdet?
Patientenbezogene Risikofaktoren
- Beatmungspflichtige Patienten
- Immunsupprimierte Patienten
- Bettlägerigkeit / eingeschränkte Mobilität
- Schluckstörung (Dysphagie) z.B. nach Schlaganfall
- Rauchen / vorerkrankte Lunge (COPD, Emphysem)
- Mukoviszidose
- Frühgeborene (unreife Lungenentwicklung)
- Tumorerkrankte (Zytostatika-Therapie)
- Schmerzen → Schonatmung
- Opiate / Muskelrelaxanzien (Atemdepression)
Umgebungsbezogene Risikofaktoren
- Liegende Sonden (Nase/Rachen)
- Chirurgische Eingriffe am Abdomen/Thorax
- Klimaanlagen (Keimübertragung)
- Kontaminierte Wasserleitungen (Legionellen!)
- Schlecht gelüftete, feuchte Räume
- Aspergillus-Pilze (in Wasserleitungen)
Pneumonierisiko einschätzen
📊 Bienstein-Atemskala = standardisiertes Assessment
Beobachten: Mobilität · Schmerzen · Lungengeräusche · Husten/Sputum · Medikamente · Rauchen · Sauerstoffsättigung · SpO₂ · Atemfrequenz
Legionellen gedeihen bei 25–45°C in stehendem Wasser (z.B. Klimaanlagen, Warmwasserleitungen). Sie verursachen die Legionärskrankheit (schwere Pneumonie) oder das mildere Pontiac-Fieber. In Pflegeeinrichtungen sind regelmäßige Wasseruntersuchungen Pflicht!
LISA-Prinzip — Pflegeinterventionen
Das LISA-Prinzip der Pneumonieprophylaxe
Lungenbelüftung aktivieren · Infektion vermeiden · Sekret verflüssigen · Aspiration vermeiden
🌬️ L = Lungenbelüftung aktivieren
- Mobilisation — regelmäßig und angepasst
- Oberkörperhochlage (mind. 30°)
- Dehnlage · Bauchlage · V-A-T-I-Lagerung
- Kutschersitz (atemerleichternde Stellung)
- Kontaktatmung — Hände auf Thorax führen
- Lippenbremse — verlangsamte Ausatmung
- Atemtraining mit Hilfsmitteln (z.B. Triflow)
- Tiefes Durchatmen anleiten
🛡️ I = Infektion vermeiden
- Tägliche Mundpflege — Inspektion + sorgfältige Reinigung der Mundhöhle
- Hygienische Händedesinfektion — konsequent, um nosokomiale Infektionen zu vermeiden
- Zahnpflege, Zahnprothesen reinigen
💧 S = Sekret verflüssigen
- Flüssigkeitszufuhr erhöhen (Getränke anbieten!)
- Drainagepositionierung (Seitenlage + Kopftief)
- Huffing = forciertes Ausatmen
- Inhalation (Atemluft anfeuchten)
- Atemphysiotherapie
- Perkussion + Vibration (Vibrax)
- Sekret absaugen (steril!)
🍽️ A = Aspiration vermeiden
- Orale Ernährung so lange wie möglich aufrechterhalten
- Aufrechte Sitzposition zur Nahrungsaufnahme (90°)
- Bei Dysphagie: Logopädie hinzuziehen, ggf. keine orale Ernährung
- Zeit lassen beim Essen — nicht hetzen!
- Schutzreflexe prüfen (Schluck- und Hustenreflex)
- Kutschersitz = Patient sitzt vorgebeugt, Ellbogen auf Knie/Tisch gestützt → Atemhilfsmuskeln werden entlastet, Zwerchfell kann sich frei bewegen → atemerleichternd!
- V-A-T-I-Lagen = spezielle Lagerungspositionen zur gezielten Belüftung einzelner Lungensegmente
- Kontaktatmung: Pflegende legt Hände auf den Thorax des Patienten und gibt taktile Reize → fördert bewusstes tiefes Atmen
- Lippenbremse: Lippen fast geschlossen beim Ausatmen → verlangsamte Ausatmung → verhindert Kollaps der kleinen Atemwege (bei COPD besonders wichtig)
