Anatomie & Physiologie
Verdauungstrakt — Komplett
Vollständiger Lernzettel mit Diagrammen · Wandschichten · Magen · Magensaft · Lernkarten
Das Verdauungssystem — Überblick
Was ist das Verdauungssystem?
Verdauungssystem = Verdauungstrakt + Verdauungsdrüsen (Speicheldrüsen, Leber, Pankreas)
🗺️ Abschnitte des Verdauungstrakts
Gesamtlänge Verdauungskanal: ca. 7–9 m
Der Verdauungstrakt besteht aus Verdauungstrakt + Verdauungsdrüsen. Die Peristaltik ermöglicht den Transport auch gegen die Schwerkraft – deshalb kann man theoretisch kopfüber essen. Die gesamte Schleimhautoberfläche des Dünndarms beträgt durch Zotten und Mikrovilli ca. 200 m² – so groß wie ein Tennisplatz!
Wandschichten des Verdauungstrakts
Die 4 Schichten — von innen nach außen
| Schicht | Fachbegriff | Besonderheit |
|---|---|---|
| Mukosa | Tunica mucosa | Schleimhaut, kann Drüsen enthalten; Zotten im Dünndarm |
| Submukosa | Tela submucosa | Blutgefäße + Nerven; Meissner-Plexus → steuert Drüsen |
| Muskularis | Tunica muscularis | Längs- + Ringmuskulatur; Auerbach-Plexus → regelt Peristaltik; Magen: zusätzlich Schrägschicht |
| Serosa | Serosa / Adventitia | Äußerste Schicht; bei Bauchfellüberzug = Serosa, sonst = Adventitia |
Der Meissner-Plexus (in der Submukosa) steuert die Drüsenaktivität der Schleimhaut. Der Auerbach-Plexus (in der Muskularis) reguliert die Peristaltik. Beide Nervengeflechte werden durch den Sympathikus (hemmt) und Parasympathikus (fördert) des vegetativen Nervensystems beeinflusst. Der Magen ist das einzige Organ mit einer dritten Muskelschicht (Schrägmuskulatur) — das ermöglicht die kräftige Durchmischung des Speisebreis.
Mundhöhle & Zunge
Die Mundhöhle
Aufgaben der Zunge (Lingua)
Die Zunge ist ein mit Schleimhaut überzogener Muskelkörper:
- Hilft bei Kau- und Saugbewegungen
- Formt schluckfähigen Bissen + beginnt Schluckbewegung
- Geschmacks- und Tastempfinden (Geschmacksknospen)
- Lautbildung beim Sprechen
Zähne
Mechanische Zerkleinerung der Nahrung → bilden zusammen das Gebiss
Die Mundhöhle beginnt bereits mit der chemischen Verdauung: Speichelamylase (Ptyalin) spaltet Kohlenhydrate. Die Zunge enthält ca. 10.000 Geschmacksknospen, die die 5 Grundgeschmäcker erkennen: süß, sauer, salzig, bitter und umami (herzhaft). Die Schleimhaut der Mundhöhle erneuert sich alle 3–7 Tage.
Speicheldrüsen & Speichelzusammensetzung
Die 3 großen Speicheldrüsen
| Drüse | Lateinisch | Lage | Sekrettyp |
|---|---|---|---|
| Ohrspeicheldrüse | Glandula parotidea (Parotis) | Vor dem Ohr, außerhalb Mundraum | Rein serös (wässrig) → Ptyalin |
| Unterkieferspeicheldrüse | Glandula submandibularis | Unter dem Unterkiefer | Gemischt serös + mukös |
| Unterzungenspeicheldrüse | Glandula sublingualis | Unter der Zunge | Überwiegend mukös (schleimig) |
Zusammensetzung des Speichels
Inhaltsstoffe (0,5 %):
- Ptyalin (α-Amylase) → spaltet Kohlenhydrate
- Nukleasen → spalten Nukleinsäuren
- Zungengrundlipase → Fettspaltung (aktiv erst im Magen)
- Muzin → Gleitmittel, erleichtert Schlucken
- Antimikrobielle Substanzen (z.B. Lysozym)
- Elektrolyte (Na⁺, K⁺, Ca²⁺, HCO₃⁻)
Tagesproduktion: 0,5–1,5 Liter
Speichel hat einen pH von 6,5–7,5 (leicht sauer bis neutral). Er enthält Immunglobulin A (IgA) — ein wichtiger Teil der Immunabwehr im Mund. Bei Nervosität hemmt der Sympathikus die Speicheldrüsen → trockener Mund. Parotitis (Mumps) ist eine Viruserkrankung der Ohrspeicheldrüse.
Rachen & Schluckvorgang
Der Schluckreflex — Schritt für Schritt
Der Schluckreflex ist unwillkürlich — sobald er ausgelöst ist, kann man ihn nicht stoppen. Deshalb: niemals beim Lachen essen! Die Epiglottis verschließt sich passiv durch die Aufwärtsbewegung des Kehlkopfs — es ist kein aktiver Muskel. Bei einem Schlaganfall kann der Schluckreflex ausfallen → gefährliche Aspirationsgefahr → Pflegerisch wichtig: Dysphagiescreening!
Speiseröhre (Ösophagus)
Steckbrief Speiseröhre
Struktur: elastischer Muskelschlauch
Funktion: rein transportierend (keine Verdauungsenzyme!)
Verschluss: oberer + unterer Ösophagussphinkter
Die 3 natürlichen Engstellen
Ringknorpelenge
= engste + erste Engstelle; häufig Ort für steckengebliebene Bissen
Aortenenge
Aorta drückt von außen auf die Speiseröhre (Höhe 9. Brustwirbel)
Zwerchfellenge
Durchtritt durch das Zwerchfell (Diaphragma) in die Bauchhöhle
Peristaltik der Speiseröhre
Die Speiseröhre ist oben und unten durch erhöhten Spannungszustand (Sphinkter) verschlossen. Beim Schlucken erschlafft der obere Sphinkter → Nahrung tritt ein → Peristaltische Wellen transportieren den Bissen → am unteren Ende erschlafft der untere Sphinkter unwillkürlich → Bissen gelangt in den Magen.
Die Ringknorpelenge ist die erste und engste der drei Engstellen — hier bleiben schlecht gekaute Bissen am häufigsten stecken. Ein insuffizienter (undichter) unterer Ösophagussphinkter führt zu saurem Reflux (GERD/Sodbrennen) — Magensäure gelangt in die Speiseröhre. Langfristig kann das zu Barrett-Ösophagus und erhöhtem Krebsrisiko führen → klinisch sehr relevant in der Pflege!
Der Magen (Gaster)
Abschnitte des Magens
Fassungsvermögen: ca. 1,5 Liter (variiert je nach Füllungsgrad)
Form: kommaförmig gebogen
Muskulatur: drei Schichten (Besonderheit!)
Besonderheit: Muskelschicht des Magens
Der Magen hat 3 übereinander gelagerte Muskelschichten (im Gegensatz zum übrigen Verdauungskanal mit nur 2):
Längsmuskulatur
Ringmuskulatur
Schrägmuskulatur
→ ermöglicht kräftige Durchmischung, Anpassung der Magengröße, mechanische Zerkleinerung und Transport zum Ausgang
Der Magen hält die Nahrung ca. 2–4 Stunden zurück, bevor er den Speisebrei (= Chymus) portionsweise in den Dünndarm entlässt. Die Magenschleimhaut bildet Falten (Rugae), die sich beim Ausdehnen glätten — so kann das Volumen zwischen 0,05 l (leer) und 1,5 l variieren. Die Pylorusdrüsen im Antrum produzieren auch die Hormone Gastrin (regt Magensaftproduktion an) und Somatostatin (hemmt sie).
Magenschleimhaut, Magenzellen & Magensaft
Die Magendrüsen — Wo und Was?
Die 3 Zelltypen und ihre Produkte
| Zelltyp | Lage im Drüsenschlauch | Produkt | Funktion des Produkts |
|---|---|---|---|
| Belegzellen (Parietalzellen) |
Mittlerer Abschnitt |
Salzsäure (HCl) Intrinsic Factor |
HCl: Proteine denaturieren, Pepsinogen aktivieren, Desinfektion gegen Keime, pH 1–2 Intrinsic Factor: notwendig für Vitamin-B12-Resorption im Dünndarm |
| Hauptzellen | Tiefster Abschnitt |
Pepsinogen Magenlipase |
Pepsinogen: inaktiv → wird durch HCl zu Pepsin aktiviert (bei pH<6) → spaltet Proteine in 10–100 Aminosäuren Magenlipase: geringe Fettspaltung |
| Nebenzellen (Mucuszellen) |
Oberer Abschnitt + Oberfläche |
Muzinhaltiger Schleim Bikarbonat |
Muzin: zähes Gel haftet auf Schleimhaut → schützender Film gegen Salzsäure und Pepsin → verhindert Selbstverdauung Bikarbonat: neutralisiert direkt an der Zellwand |
Aktivierungsweg von Pepsinogen
(inaktiv, Hauptzellen)
pH < 6
(aktiv, eiweißspaltend)
(→ Peptide)
Magensaft — Überblick
Inhalt des Magensafts: Wasser Salzsäure (HCl) Pepsinogen / Pepsin Magenschleim (Muzin) Intrinsic Factor Magenlipase
- Ein Mangel an Intrinsic Factor → kein Vitamin B12 resorbierbar → perniziöse Anämie (Blutarmut durch B12-Mangel) → klinisch sehr relevant!
- Die Salzsäureproduktion wird durch Gastrin (Pylorusdrüsen), Parasympathikus und Histamin gesteigert, durch Somatostatin und Cholecystokinin gehemmt.
- Bei Stress → Sympathikus hemmt Verdauung, reduziert Durchblutung → begünstigt Magengeschwüre (Ulcus ventriculi)
- Die häufigste Ursache von Magengeschwüren ist das Bakterium Helicobacter pylori, das den schützenden Muzinfilm zerstört.
